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Schach war in den 80ern irgendwie ein anderes Spiel

Nachdem ich eine Woche lang die Gelegenheit hatte, den jungen Talenten bei der schachlichen Arbeit am Brett zuzuschauen, möchte ich an dieser Stelle ein kleines Fazit ziehen und damit meinen Blog über die Landesmeisterschaft von Schleswig-Holstein abschließen.

Die drei Erstplatzierten sind zusammengenommen jünger als ich, d.h. sie gehören definitiv der Generation an, die schon immer mit digitalen Uhren und Inkrement gespielt und noch nie eine Hängepartie erlebt haben. Als ich 1981 angefangen habe, im Verein Schach zu spielen, waren Zeitnotschlachten an der Tagesordnung, insbesondere in den höheren Ligen, in denen die Bedenkzeit 2,5 Stunden für 50 Züge betrug. Ich kann mich an einige sehr begabte Spieler erinnern, die die besseren Stellungen, die sie regelmäßig nach 25 Zügen durch stundenlanges Nachdenken erreicht hatten, in den nächsten 25 Zügen ebenso regelmäßig weggeschmissen haben. Ich kann mich auch noch gut erinnern an die Analyse von Hängepartien, die nach der Kenntnis des Abgabezuges dann häufig wertlos waren. Insbesondere in Lübeck war die Qualität dieser Analysen berühmt, allerdings nicht im positiven Sinne. (“Das ist doch ganz einfach gewonnen, Zack, Zack, und er kann aufgeben. Lass uns lieber ein Bier zusammen trinken!”) Unabhängig von diesen technischen Unterschieden ist die Herangehensweise der jungen Generation von heute eine vollkommen andere. Im Folgende möchte ich meine Beobachtungen unstrukturiert wiedergeben, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit oder Korrektheit zu erheben.

  1. Die Eröffnungsvariante ist nur Mittel zum Zweck und nahezu beliebig austauschbar. Früher gab es den Drachen, den Franzosen, den Altinder und den Engländer, und damit meine ich nicht die Eröffnungen, sondern die Spieler, die immer dieselben Varianten gespielt haben. Heutzutage ist die Vorbereitung wesentlich schwieriger, weil der Gegner entweder d4 oder e4 oder Sf3 spielt, je nachdem, wozu er gerade Lust hat.
  2. Die zeit- und kraftraubende “Suche nach der schachlichen Wahrheit” vom ersten Zug an gibt es heutzutage nicht mehr. Es geht vor allem darum, schnell einen Zug aufzuführen, der möglichst unangenehm für den Gegner ist. Da man sowieso nicht alle Konsequenzen überblicken kann, kann man die Zeit auch sinnvoller verwenden, wenn es wirklich etwas zu berechnen gibt.
  3. Langweilige technische Stellungen werden um jeden Preis vermieden oder Remis gegeben. Es werden stattdessen bewusst Ungleichgewichte angestrebt, auch wenn das mit einem gewissen Risiko verbunden ist. Das früher übliche “Spiel auf zwei Ergebnisse” (alte russische Schachweisheit) gilt nicht mehr als erstrebenswert. Nach einer verlorenen Partie kommt ja gleich die nächste, in der man es besser machen kann.
  4. Endspieltheorie scheint keine Rolle mehr zu spielen, vermutlich weil der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen steht: Die Anzahl der Stunden, die man braucht, um das Mattsetzen mit Läufer und Springer zu erlernen, übersteigt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Anzahl der Partien, in denen dieses Wissen benötigt wird.
  5. Bücher sind nicht mehr so wichtig wie früher, weil sämtliche Informationen auch digital verfügbar sind und damit viel schneller verarbeitet werden können. Die Datenbanken der Online-Server ersetzen die jährlich aktualisierte pgn-Datei “LEM SH Meisterklasse”.

Als ich 1981 in den Lübecker Schachverein eingetreten bin, war Karpow Weltmeister. In Lübeck gab es einige glühende Verehrer seines Spiels, die schwer daran zu knabbern hatten, als er seinen Titel gegen Kasparow verloren hatte. Einige dieser Karpow-Fans verstiegen sich sogar zu der Aussage, dass dies auf “unfaire” Art und Weise erfolgt wäre, weil Kasparow einige Partien nur aufgrund seiner Vorbereitung gewonnen hätte. Aber ich glaube, im Grunde ihres Herzens wussten sie, dass die goldenen Zeiten vorbei waren, in denen man Partien wie die folgende bewundern konnte, bei denen man den Eindruck hatte, dass der Sieger bis kurz vor Schluss gar nicht wusste, dass das ultimative Ziel einer Schachpartie darin besteht, den gegnerischen König mattzusetzen.

Mich würde interessieren, was die junge Generation a) von dieser Partie b) von Anatoli Karpow und c) von der Weisheit “Zwei Remisen ergeben zusammen genauso viele Punkte wie ein Sieg und eine Niederlage” hält.

Ein Gedanke zu „Schach war in den 80ern irgendwie ein anderes Spiel“

  1. Klingt nach einem alten Mann, dabei bist Du doch jünger als ich, Ullrich!-)
    Wann hattest Du denn zuletzt mit jungen Schachspielern zu tun?

    Zu 1.: aus meiner Sicht waren Eröffnungsvarianten schon immer Mittel zum Zweck. Wenn ich eine gute Variante gegen jemanden finde, mit der ich eine vielversprechende Stellung erhalte, dann spiele ich sie!
    Zu 2.: aus meiner Sicht gibt es keine schachliche Wahrheit. Insbesondere im Turnierschach. Du kannst also aufhören zu suchen.
    Zu 3.: die Jugend war schon immer bereit mehr Risiken einzugehen als die alten Männer
    Zu 4.: ich bin mir ziemlich sicher, dass Endspieltheorie noch eine Rolle spielt. Und viele der guten Jugendlichen beherrschen sie auch. Mit Springer und Läufer können heute sogar mehr davon matt setzen, da es viel einfacher ist, es zu üben.
    Zu 5.: da hast Du recht! Aber die Vorteile davon wirst Du ja sicherlich auch nutzen.

    Ich habe die Parien Karpovs auch geschätzt, auch wenn ich das Schach seines Vorgängers – Du als alter Mann, wirst ja sicherlich wissen, wer das war. Der ein oder andere Jugendliche mag jetzt mal in sich gehen!-) – lieber mag. Das Karpov-Anhänger meinen, Kasparov habe nur auf Grund seiner guten Vorbereitung gewonnen, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Auch Karpov war immer exzellent vorbereitet – siehe etwa Karpov – Kortschnoi, Moskau 1974, 2. Partie; 19. Td3 hat er nicht am Brett finden müssen! Kasparov war ab einem gewissen Moment einfach flexibler in der Wahl seiner Eröffnungen und hatte daher definitiv einen Vorsprung.

    Zu Deinen Fragen:
    a) ich kenne viele schöne Partien von Karpov – A.K. “Meine besten Partien” enthält eine ganze Menge davon. Die hier gezeigte gehört definitiv nicht dazu.
    b) siehe oben. Ich habe Karpovs Partien auch geschätzt, auch wenn sie ohne gute Kommentierung meist schwer zu verstehen waren. Aber man kann definitiv etwas von ihm lernen. Prophylaxe, Endspiel, gewisse Zentrumsstrukturen, die regelmäßig bei ihm vorkamen.
    c) die Weisheit ist mathematisch korrekt. Aber was will man damit ausdrücken? Ich bevorzuge 1.5 Punkte aus zwei Partien!-)

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